
Also jetzt muss ich mich auch mal in die Diskussion rund um die Mohammed-Karikaturen einschalten.
Wer nicht weiß, um was es geht, hier eine kurze Einführung:
Die dänische Tageszeitung „Jyllands-Posten“ hat im vergangenen September eine Reihe von Karikaturen abgedruckt die den Propheten Mohammed darstellten. Ich verlinke jetzt hier absichtlich nicht zu den Karikaturen, da ich diese Aktion nicht gut heiße und mich auch davon distanzieren möchte! Auf den Bildern wurden Mohammed und der Islam in ziemlich provokanter Art und Weise dargestellt:
Ein Bild zeigt ihn zwischen 2 muslimischen Frauen, jeweils gehüllt in eine schwarze
Burka mit Augenschlitzen. Das Gesicht von Mohammed selber ist mit einem schwarzen Balken überzogen, in den Händen hält er einen Säbel. Das Bild ist augenscheinlich an die Videos angelehnt, die es in letzter Zeit des Öfteren aus dem Irak gibt und die Entführte und ihre Geiselnehmer zeigen. Ein anderes Bild zeigt eine Tätergegenüberstellung. Hier sind verschiedene Religionsvertreter zu sehen, die alle einen Turban tragen, darunter auch wieder Mohammed.
Weiter ist ein Bild zu sehen, welches Selbstmordattentäter zeigt, die gerade den Eingang zum Paradies erreichen und zu hören bekommen, dass die Jungfrauen leider ausgegangen seien. Die provokanteste Karikatur von allen zeigt Mohammed mit einem Turban, der aus einer brennenden Bombe besteht. Insgesamt handelt es sich um 12 Bilder.
Einen guten Überblick über das Geschehen liefert die Zeit in dem Artikel
„Allah und der Humor“:
Auf Nachfragen und Hinweise von Journalisten begann sich etwa eine Woche nach Veröffentlichung Empörung und Widerstand unter dänischen Muslimen zu regen. „Kurz darauf führte (…) eine Delegation dänischer Muslime auf eine Rundreise durch mehrere islamische Länder, um sich über Dänemark zu beschweren.“ Dies führte wiederum dazu, dass 11 dieser bereisten Länder dem „liberalkonservativen dänischen Premierminister Anders Fogh Rasmussen einen Protestbrief“ geschrieben, in dem sie ihn zu einem Gespräch mit ihren Botschaftern aufforderten. Vielleicht hätte ein solches Gespräch die Wogen geglättet, aber Rasmussen lehnte ab: „In Dänemark nehme die Politik keinen Einfluss auf die Presse, antwortete Rasmussen kühl, folglich gebe es keinen Grund für ein Gespräch. Darauf riefen im Dezember die Organisation der Islamischen Konferenz und die Arabische Liga zum Boykott Dänemarks auf.“ Die Folge waren immer weitere Gerüchte und Verschwörungstheorien, die nun rund um den Globus aus dem Boden sprossen.
Dann pünktlich zum Jahreswechsel und nach heftigem Druck sowohl aus Dänemark, als auch aus anderen Ländern folgte die Kehrtwende. „In seiner Neujahrsansprache verurteilte Rasmussen alle Äußerungen, die Menschen »aufgrund ihres Glaubens verteufeln«. Der Gebrauch der Meinungsfreiheit setze wechselseitigen Respekt und einen »ordentlichen Ton« voraus.“
Doch die Reaktion von Rasmussen kam etwas zu spät. Die Dinge hatten sich mittlerweile verselbständigt, die Wogen konnten nicht mehr geglättet werden. „Neben der Bombendrohung gebe es auch zahlreiche Morddrohungen per Mail und Telefon, bestätigt Joern Mikkelsen, der Politik-Chef der "Jyllands-Posten".“ schrieb Spiegel-Online in dem Artikel
"Mohammed-Karikaturen - Das war es wert".
Neues Öl goss vergangenen Mittwoch die französische Zeitung „France Soir“ ins Feuer. Wie die Zeit im Artikel
"Zu Hilfe, Voltaire" berichtet druckte die Zeitung die Karikaturen unter der Überschrift „Ja, man darf Gott karikieren“ ab. „Schon seit Monaten drohte dem Blatt die Zahlungsunfähigkeit“, doch mit diesem extremen Akt der Verzweiflung um Aufmerksamkeit zu ergattern hat sich die Zeitung selber keinen großen Gefallen getan. Der ägyptisch-französische Verleger Raymond Lakah hat auf die Entrüstung reagiert und sich gestern von seinem Chefredakteur Jacques Lefranc getrennt.
Und auch in Deutschland tauchten die Karikaturen mittlerweile in Zeitungen auf. „Die Welt“ veröffentlichte diese Woche einige der umstrittenen Karikaturen „aus Solidarität“, teilweise sogar auf der Titelseite. Heute erschien zudem der Artikel
"Es besteht Dokumentationspflicht", in dem einige Chefredakteure aus der deutschen Presselandschaft Stellung beziehen:
Dass der Spiegel sich mittlerweile auf neokonservativen Wegen befindet ist ja bereits längst bekannt. Deswegen verwundert auch nicht der Kommentar von Joachim Preuß, stellvertretender Chefredakteur: "Dass die Welt heute mit einer Karikatur auf dem Titel erschienen ist, hat mir gut gefallen."
Bascha Mika, Chefredakteurin der "Tageszeitung" (Taz), die ebenfalls einige Bilder veröffentlichte meint: "Wir drucken diese Karikaturen, weil eine Dokumentationspflicht besteht. Weil sich die Leser ihre eigene Meinung bilden sollen. Und wir drucken sie auch, weil es zur Pressefreiheit gehört, sich dem Druck radikaler Moslems nicht zu beugen."
Interessant und sicherlich auch etwas überraschend ist die Meinung von Kai Diekmann, Chefredakteur der "Bild"-Zeitung,: "Ich persönlich würde in "Bild" keine Karikaturen drucken, die bewusst religiöse Gefühle verletzen."
Auch "Focus"-Chefredakteur Helmut Markwort sieht es etwas zurückhaltender: "Auf keinen Fall würde ich die Karikaturen alle abdrucken, höchstens eine als Beleg für eine Geschichte."
Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der "Zeit", sieht die Sache dann auch etwas differenzierter: "Als jemand, der persönlich durchaus ein religiöses Koordinatensystem hat, finde ich, dass man es nicht darauf anlegen soll, die religiösen Gefühle von Menschen zu verletzen. Aber gerade im Hinblick auf Dänemark kann ich nur davor warnen, sich nun in vorauseilender Selbstzensur zu üben."
Ich muss sagen, dass es das erste mal soweit ist, dass ich Diekmann und (nur) teilweise Markwort zustimmen kann! Denn es geht hier nicht darum, die Karikaturen jetzt als reine Provokation abzudrucken. Aber genau das ist es, was die europäischen Zeitungen gerade machen. Hier wird jetzt leider der Fehler begangen eine Debatte über Meinungsfreiheit mit Hilfe von religionsverletztenden Zeichnungen auszutragen.
Wir dürfen nicht vergessen, dass es einfach eine pure Provokation ist, den Propheten Mohammed so abzudrucken. Es ist nunmal Teil des islamischen Glaubens, dass keine Bilder von ihm veröffentlicht werden. Und dann auch noch in solcher Art und Weise. Nein, dieses Süppchen haben sich die Redakteure selbst eingebrockt.
Es musste im Vorfeld klar sein, dass es Protest geben würde. Dies wurde in Kauf genommen. Ja, es wurde sogar extra darauf angelegt und auf die Provokation hin gearbeitet.
Dennoch stelle ich hier auch klar, dass ich das Ausmaß der Empörung und die doch sehr gefährlichen und konkreten Mord- und Bomben-Drohungen für sehr erschreckend & tragisch halte. Davon möchte ich mich hier auch klar distanzieren!
Deswegen finde ich auch die Stellungnahme von di Lorenzo vernünftig. Man sollte trennen zwischen Meinungsfreiheit und Provokation, mit der man vorsätzlich religiöse Gefühle verletzen möchte! Eine Diskussion darüber, wie weit die Berichterstattung (oder eine Zeitung) gehen darf ist in Ordnung und soll auch auf jeden Fall geführt werden. Jetzt aber in blinden Populismus zu verfallen und absichtlich die Karikaturen auf den (Titel-) Seiten abzudrucken, um einfach noch mehr Öl ins Feuer zu gießen und weiter zu provozieren, davon halte ich überhaupt gar nichts!
Und jetzt? Jetzt heißt es Diskurs statt Dialog. Jetzt braut jeder sein eigenes Süppchen, die arabischen Zeitungen machen Stimmung gegen den Westen und die westlichen Zeitungen machen Stimmung gegen die arabische Welt. Toll, das ist ja wirklich guter, vorbildlicher Qualitätsjournalismus!
Ich würde mir wünschen, dass sich arabische & westliche Zeitungen mal zusammensetzen und eine gemeinsame Diskussion über das Thema führen. Die einen sagen ihre Sicht der Dinge, die Anderen die ihre. Und die Ergebnisse sollten dann sowohl in westlichen, als auch in arabischen Zeitungen abgedruckt werden. Man sollte einfach versuchen, die andere Seite mit all ihren Facetten und Einstellungen kennen & respektieren zu lernen. Ich fände solch ein Verhalten zumindest mutiger und aufschlussreicher, als das, was gerade überall abgeht!
Es kann doch wirklich nicht Sinn und Zweck sein, dass jetzt überall Stimmung gegeneinander gemacht wird. Der Westen sollte langsam mal anfangen sich mit den Eigenschaften und Hintergründen des islamischen Glaubens zu beschäftigen. Dass man nicht mit unseren Maßstäben über andere Kulturen oder Religionen urteilen sollte. Wie gesagt, wir sollten den Dialog suchen, anstatt einfach nur drauf los zu hauen.
Natürlich gilt dies auch umgekehrt. Auch die arabische Welt muss lernen, dass nicht alle Äußerungen aus dem Westen persönliche Angriffe darstellen sollen. Der Westen ist – anders als er selber immer denkt – nicht perfekt. Der Westen macht ebenso Fehler, immer wieder aufs Neue. Man sollte langsam anfangen sich gegenseitig zu tolerieren. Der Westen muss einsehen, dass er der arabischen Welt nicht sein Gesicht und sein Verhalten aufzwingen kann/darf. Und umgekehrt muss auch der (fundamentale) Islam lernen den Westen anzuerkennen, vielleicht auch einzugestehen, dass das eine oder andere – Stichwort Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit - vielleicht auch erstrebenswert ist. Es gibt positive Bestrebungen und Tendenzen auf beiden Seiten. Aber leider auch immer wieder neue Rückschläge. Und das momentane Theater schürt nur neue Ängste, Vorurteile und Ablehnungen. Das ist gefährlich.
Zu einen Kampf der Kulturen (oder der Religionen) – wie ihn
Samuel Huntington in „Clash of Civilizations“ beschrieben hat – dürfen wir es auf gar keinen Fall kommen lassen! Wir müssen einen Weg des gleichberechtigten Miteinanders finden. Wie, dass muss sich zeigen. „Toleranz“ und „Dialog“ lauten die Schlüsselwörter!!!
bluejax
Erfurt, den 02. Februar 2006
Quellen und Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Burka
http://www.zeit.de/2006/06/D_8anemark_neu
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,398600,00.html
http://www.zeit.de/online/2006/06/france_soir
http://www.welt.de/data/2006/02/02/839952.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Kampf_der_Kulturen
Nachtrag, 03.02.2006
Heute morgen hat Spiegel-Online den Artikel
„Karikaturen-Streit - Annan fordert Respekt vor Religionen“ veröffentlicht. Darin wird der UNO-Chefsprecher Stephane Dujarric zitiert, der berichtete, dass Annan betroffen sei. „Der Generalsekretär der Vereinten Nationen vertrete die Ansicht, dass "die Pressefreiheit immer in einer Weise angewendet werden sollte, die den Glauben und die Lehren aller Religionen vollständig respektiert".
Das ist genau das, worauf ich auch schon hingewiesen hatte. Ist es wirklich sooooo schlau und gerechtfertigt jetzt in diversen Zeitungen die Karikaturen zu veröffentlichen, obwohl man ganz genau weiß, dass man die religiösen Gefühle von zig-Millionen Menschen verletzt?!
„Annan halte es auch für wichtig, Missverständnisse und Animositäten zwischen Menschen von unterschiedlichem Glauben und kultureller Tradition durch friedlichen Dialog und gegenseitigen Respekt auszuräumen.“
Auch hier kann ich mich Kofi Anan nur voll und ganz anschließen. Statt sich jetzt einfach bis an die Zähne zu bewaffnen und nur noch mehr zu provozieren, sollten die Journalisten vielleicht einfach mal anfangen und den gegenseitigen Dialog miteinander suchen. Einen europäisch-arabischen Dialog, bei dem sich Vertreter unterschiedlicher Zeitungen treffen und in einer gemeinsamen Runde über das Thema diskutieren. Denn jetzt sind gerade nur die Scharfmacher am Zuge, denen das Thema als willkommener Vorwand zum ballern und schießen dient.
Aber ich möchte jetzt nicht alle Journalisten über einen Kamm scheren. Nicht alle Journalisten sind Scharfmacher. Die Süddeutsche veröffentlichte heute auf ihrer Homepage den Kommentar
„Religion und Respekt“ von Rudolph Chimelli. Dieser vermeidet es sich auf dieses Einseitige Nervenspiel der anderen Zeitungen einzulassen, sondern unternimmt vielmehr einen Versuch einer Differenzierung.
Zum einen meint er zwar, „Es wäre Unfug, wenn die Verunglimpfung von Glaubensinhalten des Christentums, des Judentums, des Hinduismus oder anderer Religionen „Meinung“ wäre, Spott über den Propheten aber todeswürdiger Frevel oder Delikt.“
Allerdings belässt er es nicht bei dieser einfachen Begründung. Er weiß, dass es komplexer ist:„Das Getöse um die dänischen Mohammed-Karikaturen zeigt, dass sich die Welt gründlich verändert hat. Und es macht sichtbar, dass die Zeit einfacher Wahrheiten vorbei ist.“
Er weist darauf hin, wie ich es auch schon tat, dass es nicht angebracht ist die ganze Welt mit den westlichen Normen und Maßstäben zu bewerten.
„Im Unterschied zu Europa, das sich vom Sakralen weitgehend ablöste, haben die Muslime, selbst wenn sie persönlich nicht religiös sind, ihr Gefühl für die Verbindlichkeit der Glaubensgrundsätze im Alltag erhalten. Islam ist Religion, Gesetz, Lebensregel und Sitte.“
Natürlich kann man über diese Einstellung diskutieren. Man sollte aber nicht den Fehler machen und versuchen damit dem Islam oder anderen Religionen die Menschlichkeit abzusprechen. „An dieser Stelle verläuft die tiefe Kluft zum Westen, die nur schwer zu überbrücken ist. Hier liegen die Wurzeln des Unverständnisses.“
Unverständnis drückt es wahrscheinlich ganz gut aus. Die arabische Welt kann den Westen mit seinem Verhalten nicht verstehen und der Westen versteht die islamische Welt nicht.
“Für Westler ist schwer zu verstehen, was an einer Karikatur Mohammeds so absolut verwerflich sein soll. (…) Er darf nicht verehrt werden, aber auch nicht verspottet: Das ist der ursprüngliche Grund des Abbildungsverbots. Keine islamische Bilddarstellung zeigt sein Gesicht.“
Und ich denke, das ist ein wesentlicher Punkt des ganzen Theaters. Anstatt nach den Hintergründen zu forschen und vielleicht versuchen diese Empörung der muslimischen Gesellschaft zu verstehen setzen sich viele Zeitungen lieber in einen Panzer, schießen und walzen alles nieder. Das hinterlässt verbrannte Erde. Und es zerstört noch mehr, als es eigentlich helfen würde.
„Vom Dialog der Kulturen, (…) ist die Welt durch den Karikaturen-Streit weiter entfernt denn je. Soll daraus nicht ein Schritt zum
Krieg der Zivilisationen nach Samuel Huntington werden, muss der aktuelle Disput wieder entschärft werden.“
Was ist die Lösung, was tun? Zuerst einmal sollten wir versuchen die Gemüter zu beruhigen. Wir müssen versuchen uns kennen zu lernen. „Die Gläubigen des Islam sind nicht mehr der böse Feind, schon weil sie in großer Zahl unter uns leben.“
Im Grunde ist es nicht anders als es die USA bereits seit vielen Jahren veranschaulichen. Durch die Globalisierung bilden sich überall neue, bunte Gesellschaften, in der jedes Individuum seine Wurzeln und seine Gedanken mit einbringt. Bei den Vereinigten Staaten gebraucht man auch gerne den Begriff
„Melting-Pot“ . Wir verschmelzen miteinander. Allerdings dürfen wir dabei nicht den Respekt und die Toleranz von einander – und auch vor anderen Religionen und Einstellungen –verlieren. Ohne Respekt und Toleranz wird es nicht gehen.
“Weniger Aufgeregtheit ist erforderlich, überall. Wenn schon keine liebevolle Verständigung – einen
Modus vivendi brauchen alle, am meisten die europäischen Länder und ihre Muslime.“
Wir müssen die Angst voreinander verlieren. Den Kontakt suchen. Schon mal etwas von der Kontakthypothese gehört? Diese Theorie besagt, dass sich die Einstellung gegenüber Fremdgruppen mit steigender Kontakthäufigkeit verbessert. Ich glaube hier liegt eines der größten Probleme unserer „modernen“ Gesellschaften: Wir kennen uns viel zu schlecht!
Quellen und Links 2:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,398812,00.html
http://www.sueddeutsche.de/,tt4m2/kultur/artikel/486/69417/
http://de.wikipedia.org/wiki/Kampf_der_Kulturen
http://de.wikipedia.org/wiki/Schmelztiegel
http://www.infobitte.de/free/lex/allgLex0/m/modusVivendi.htm