
Gerade eben habe ich mal wieder bei
Mut gegen Rechte Gewalt vorbeigeschaut. Wie bereits berichtet hat das Team eine neue Ratgeberrubrik eingerichtet:
Um Rat gefragt!
Aktuell findet man einen
Artikel über eine Diskothek im Thüringenschen Sonneberg:
„Über die krasse Ausgrenzung von Ausländern durch eine Diskothek in Sonneberg“ In dem Artikel wird von den
Einlasskriterien der Discothek STERN RADIO berichtet. Auf der Internetpräsenz der Discothek findet man die Seite
„Einlass“ .
Dort heißt es:
„Damit der Party-Abend in der Discothek STERN RADIO zu einem Erlebnis wird und nicht schon vor der Tür endet bitten wir folgendes zu beachten: (…)“Danach folgen dann Belehrungen zum Jugendschutz hinsichtlich Altersbeschränkungen. Dann folgt aber der absolute Hammer! Unter der Überschrift „Nationalität“ heißt es:
„Da es trotz verstärkter Kontrollen in der letzten Zeit vermehrt zu Konflikten - ausschließlich durch Besucher ausländischer Nationalität - gekommen ist, sahen wir uns gezwungen den Sicherheitsdienst personell aufzustocken, zusätzliche Sicherheitssysteme und Kameras zu installieren und die folgende Regelung zu ergreifen:
Besucher ausländischer Nationalität erhalten grundsätzlich nur noch Zutritt zum gesamten Objekt, wenn sie sich vorher bei der Geschäftsleitung registriert haben und einen Ausweis für den Zutritt zur Discothek erhalten haben.
Die Bearbeitungszeit der Registrierungen beläuft sich auf 1 bis 2 Wochen, Formulare sind an der Abendkasse erhältlich. Für die Registrierung ist ein aktuelles Paßbild notwendig.“Das ist krass! Das heißt, dass Menschen ausländischer Herkunft sich etwa ein- bis zwei Wochen vor dem Discobesuch bei der Geschäftsleitung registrieren lassen und sich eine Genehmigung für den Eintritt holen müssen! Wenn dies keine Diskriminierung sein soll, was denn dann?
„Wir hoffen auf Euer Verständnis, zumal auch von zahlreichen Gästen bereits der Wunsch geäußert wurde, in dieser Weise zu verfahren.“ Klar, die Betreiber der Discothek Stern hoffen auf Verständnis für Ausländerdiskriminierung und Rassismus. Bei vielen Thüringern könnten sie damit wohl sogar auf Verständnis stoßen. Bei dem überwiegenden Teil der deutschen Bevölkerung – mich eingeschlossen – haben sie damit allerdings keine Chance. Verständnis? Erschreckend finde ich das! Schockierend!
Doch es war nicht das erste mal, dass ich von den
Einlasskriterien der Discothek Stern erfahren hatte. Bereits im vergangenen Jahr habe ich davon gehört:
Damals gab es einige Vorfälle in Erfurt. Martin L., Professor an der
TU Ilmenau wollte eines Abends zusammen mit Freunden in einer Erfurter Discothek feiern. Doch weiter als an den Eingang kamen sie nicht. Dort standen die Türsteher und diese verweigerten Martin L. und seinen Freunden den Zugang zum Inneren der Discothek. Angeblich, wegen Einlassstopp. Allerdings wurde der Eindruck erweckt, dass es vielmehr an der weiblichen Begleitung lag: die Männer waren mit asiatischen Frauen unterwegs. Teilweise deuteten die Türsteher sogar an, dass sie die Männer rein lassen würden, die Frauen jedoch draußen bleiben müssten.
Es gab eine verbale Auseinandersetzung, aber ohne Erfolg. Den Erzählungen der Betroffenen zufolge, kamen in der Zwischenzeit jedoch andere Besucher in die Discothek hinein, auch einige, die zuvor noch keinen Eintritt gezahlt hatten.
Da unser Professor sehr gute Verbindungen zu verschiedenen Medien hat, wurde die Zeitung informiert. Die
Thüringer Allgemeine veröffentlichte schließlich einen Bericht darüber. Auch der
MDR hatte scheinbar einen kurzen Beitrag zum Thema gesendet.
Als ich davon erfuhr schlug ich für unsere nächste Sendung für das
Studentenfernsehen iSTUFF eine
Talkshow zum Thema Rassismus vor. Gesagt, getan.
Wir setzten uns mit unserem Professor Martin L. und weiteren Betroffenen zusammen und ließen uns die Ereignisse von jenem Abend schildern.
Da wir aber auch die andere Seite hören und dem Discotheken-Betreiber die Chance einer Richtigstellung geben wollten, trafen wir uns mit dem Geschäftsführer der Discothek und fragten ihn intensiv darüber aus.
Da er über die negative Berichterstattung sehr verärgert war, war ihm sehr daran gelegen unsere Sendung als Chance zu nutzen, seine Meinung mitzuteilen und das Ansehen seiner Disco wieder etwas aufzupolieren.
Da wir eine möglichst objektive Berichterstattung durchführen wollten, gaben wir ihm ausreichend Zeit, seine Sicht der Dinge darzulegen. Es stellte sich heraus, dass er an jenem Abend gar nicht in der Discothek vor Ort war. Er konnte uns also nur das erzählen, was ihm der stellvertretende Geschäftsführer und seine Angestellten – also die Türsteher – berichteten.
Da wir im Vorfeld bei unseren Recherchen auch auf die Einlasskriterien der Discothek Stern in Sonneberg gestoßen waren, haben wir auch den Discotheken-Betreiber in Erfurt dazu interviewt.
Natürlich hat er sich anfangs den Einlasskriterien gegenüber ablehnend gezeigt und meinte, dass dies bei ihm nicht möglich wäre. Doch im Laufe des Gesprächs kristallisierte sich auch immer weiter heraus, dass es doch nicht so undenkbar sei: immer wieder wies er auf „die Südländer“ oder „die ausländischen Mitbürger“ hin, die ja doch vermehrt negativ auffielen. Gleichzeitig erzählte er immer wieder, wie gut seine Erfahrung „mit den Deutschen“ seien. Und er meinte immer wieder, dass man sich als Discothekenbetreiber „davor schützen“ müsse. Auch, dass man sich die Leute am Einlass genau anschauen und bewerten würde - „wer passt in die Disco, wer macht die gute Stimmung kaputt?“ - gab er zu.
Hatte man zu Beginn des Interviews noch den Eindruck, der gute Mann meine es ehrlich und aufrichtig, merkte man im Verlaufe, dass es doch nicht so war, wie der gute Mann uns glauben machen wollte. Klar, wir gaben ihm die Möglichkeit seine Sicht darzulegen. Natürlich ist er auch ein ausgebuffter Profi, der weiß, was er sagen muss. Konnte er die professionellen Pressevertreter nicht überzeugen, so bestimmt die ahnungslosen Studenten, dachte er.
Als wir uns dann einige Tage später das aufgezeichnete Material anschauten wurde es uns dann endgültig klar: die negative Berichterstattung in der Presse kam nicht von ungefähr. Denn vieles was er – meistens in irgendwelchen Nebensätzen – erzählte zeigte doch, dass es nicht ganz so tolerant am Eingang der Discothek zuging, wie er uns glauben machen wollte – und es wahrscheinlich sogar selber glaubt.
Wir standen auf einmal vor der Situation, dass wir ihn entweder voll auflaufen lassen konnten oder ihn als Engel darstellen konnten. Wir hatten über 45 Material. Und es war alles dabei. Leider erlaubte uns aber der strenge Sendeplan – wir hatten noch weitere Interviews mit Mitarbeitern des
IfMK geführt, die mit Frauen aus anderen Nationen verheiratet sind und von ihren Erfahrungen mit Rassismus erzählten („latenter Rassismus jeden Tag“) – erlaubte uns nur einzelne Ausschnitte zu zeigen. Da wir eine objektive Berichterstattung führen wollten, nahmen wir einige pro- und contra- Ausschnitte, die dann in einer kleinen Diskussionrunde – Martin L., ein StuRa-Vertreter, ein Moderator und ich als Vertreter der Studenten – diskutiert wurden.
Zu Beginn des Sendekonzepts war ich als Moderator vorgesehen. Da wir aber Wert auf Objektivität und damit auch auf Glaubwürdigkeit legen wollten, entschieden wir uns kurz vor der Sendung dafür, Fabian K. als Moderator agieren zu lassen, der zuvor das Interview mit dem Diskotheken-Betreiber souverän führte. Ich bin viel zu sehr emotional in dieses Thema involviert, als dass es mir möglich gewesen wäre die objektive Moderator-Rolle auszuführen. Stattdessen nahm ich als ein Vertreter der Studenten daran teil.
Äußerst überraschend war, welchen Wirbel die Sendung im Vorfeld erzeugte: Der Direktor der
TU Ilmenau (TUI) nahm Kontakt mit uns auf und versuchte „ein gutes Wort“ für Ilmenau und die TUI einzulegen. Am Abend der Sendung dann kamen diverse Vertreter der
Stadt Ilmenau und der Universitätsleitung und wollten der Sendung beiwohnen. Man war brüskiert und warf uns vor, wir würden übertreiben. Was uns eigentlich einfiele solch eine Sendung zu machen, mussten wir uns anhören. Ilmenau sei ein Vorbild an Toleranz, ein Problem mit Rassismus und Rechtsextremismus gäbe es weder in Ilmenau noch in Thüringen. Zumindest was Thüringen angeht sagt allein schon die Monitor-Studie – siehe auch meinen Artikel
„Schockierende Studien-Ergebnisse – Ausländerfeindlichkeit in Thüringen?!?!“ – das genaue Gegenteil Thüringen hat ganz offensichtlich ein großes Problem mit Rassismus und Rechtsextremismus!
Wir ließen uns nicht beirren, die Sendung wurde natürlich durchgeführt. Auch den Wunsch der verschiedenen Vertreter, im Studio der Sendung beizuwohnen, mussten wir ablehnen. Stattdessen setzten wir sie in eine Sitzecke auf dem Flur und stellten ihnen unsere Laptops zur Verfügung. So konnten sie die Sendung immerhin über den Live-Stream verfolgen.
Ja, die Sendung war damals also schon allein durch die Aufmerksamkeit im Vorfeld ein voller Erfolg. Ich hoffe, dass sich in Zukunft öfter ein solches Format mit einem solch ernsten Thema realisieren lassen wird.
Leider konnten wir die Sendung aufgrund mangelnder Zeit noch nicht wirklich auswerten. Selber gesehen habe ich sie auch noch nicht. Sobald dies geschehen ist, werdet ihr natürlich hier einen Bericht darüber finden!
Übrigens haben wir noch am Tag der Sendung von einem weiteren Vorfall in einer Erfurter Discothek erfahren. Ein Zeitungsartikel berichtete, von einer Singleparty, die eine Woche zuvor in der Thüringenhalle stattgefunden hatte. Einige Ikea-Mitarbeiter wollten hin. Alle kamen rein, bis auf einer. Einem deutschen Staatsbürger, afrikanischer Herkunft, wurde der Zutritt verwehrt. Sobald ich diesen Zeitungsartikel gefunden habe, werde ich an dieser Stelle noch Zitate und Quelle nachreichen!
bluejax
Rottenburg, den 01. März 2006
Quellen und Links:
http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/index.html
http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/kategorie.php?id=86&katname=RAT
http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/artikel.php?id=86&kat=86&artikelid=2082
http://www.stern-son.de/de/aktuell-einlasskriterien.php
http://tu-ilmenau.de/uni/index.php
http://www.thueringer-allgemeine.de/
http://www.mdr.de/
http://istuff.de/
http://www.myblog.de/bluejax/art/2227067
http://www.tu-ilmenau.de/site/ifmk/index.php?id=493
http://www.ilmenau.de/
http://www.myblog.de/bluejax/art/2301440