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Theater Kunterbunt – Erfurt wehrt sich gegen die braune Seuche


Am Samstag, den 25. Juni war es nun soweit. Wie bereits mehrfach angekündigt machte die NPD einen Marsch durch Erfurt. Und wie gehofft fanden sich viele demokratische Bürger ein, um gegen diesen Marsch, gegen Rechtsradikalismus und gegen Neonazis zu demonstrieren.
Obwohl ich zuvor die Werbetrommel in Ilmenau gerührt habe, dabei 2 Rundmails an alle Studierenden meines Matrikels (immerhin so um die 120) geschickt, in zwei Foren des Ilmenauer Studentenportals gepostet, Studentenclubs und andere Vereinigungen angeschrieben hatte und auch viele Kommilitonen persönlich darauf angesprochen und aufgefordert habe zur Gegendemo zu kommen, war die Resonanz mehr als vernichtend. Von allen, die ich persönlich kenne, kam einzig und alleine Mario rüber, der auch schon beim letzten Mal bei der Gegendemo gegen die NPD-Kundgebung auf dem Anger (siehe Eintrag vom 18. April 2005) mit dabei war. Immerhin haben zwei weitere Ilmenauer Studenten, die meinen Eintrag im Forum gelesen haben, ebenfalls den Weg hier rüber gefunden. Und auch das Studentenradio hatte reagiert und wollte mich für die nächste Sendung (vor der Demo war leider keine Sendung mehr angesetzt) als Talkgast einladen (was leider an der fehlenden Zeit meinerseits verschoben werden musste). Aber immerhin.
Zu viert sind wir dann um kurz vor 12.00 Uhr losgezogen über den Anger in Richtung Bahnhof. Dort angekommen mussten wir feststellen, dass die Polizei bereits die Unterführung auf die andere Seite der Bahnlinie mit vielen Fahrzeugen und Einsatzkräften abgeriegelt hatte. Da die NPD allerdings auf eben jener anderen Seite beim Stadtpark losmarschieren wollte, versuchten wir dennoch durch die Absperrung zu kommen. Durch die erste Kontrolle hatten wir es auch geschafft, dann aber ging ein Polizei-Bus auf und eine kleine Menge Uniformierter scharrte sich um uns. Man wies uns darauf hin, dass wir keine Chance hätten hier durch zu kommen. Wir sollten wieder in die Stadt gehen, das ganze fange sowieso erst um 18.00 Uhr an. Ja klar, verarschen können wir uns selber, um 18.00 Uhr sollte alles wieder vorbei sein.
Wir mussten umdrehen und schlossen uns einer kleinen Gruppe an, die in Richtung alter Synagoge zogen. Dort gab es eine weitere Unterführung unter der Bahnlinie, die die Neonazis, laut genehmigter Route, nehmen sollten. Die Unterführung war jedoch von einer großen Menge Gegendemonstranten in Beschlag genommen worden. Blockade. Als wir von der vorderen Straße kommend (Juri-Gargarin-Ring) zu dieser Brücke gehen wollten, wurden wir von den Polizisten abermals zurückgewiesen. Anscheinend gab es den Befehl, keine Gegendemonstranten mehr durch zu lassen. Sinn und Zweck konnten wir nicht erkennen, da schon eine große Scharr dort war. Auf Nachfrage wurde uns keine Antwort gegeben. Der Weg war versperrt. Erstmal. Nachdem wir einige Minuten gewartet hatten, gerade unsere Kamera ausgepackt und mit anderen Leuten beratschlagt hatten, was wir nun machen, über welche Schleichwege wir doch noch vorne hinkommen könnten, bekamen die Einsatzkräfte plötzlich von oberer Stelle den Befehl, die Schranken zu öffnen und die Gegendemonstranten durchzulassen. Geschafft, wir konnten die letzten etwa 100 Meter zur besetzten Unterführung gehen. Unterwegs wurde ich noch schroff von einem Polizisten angemacht, was ich mir denn erlauben würde hier zu filmen. Er konnte mich nicht beeindrucken, die Kamera lief weiter (wir wollten die Demo aufzeichnen und einen Bericht für unsere IstuFF-Filmcrew schneiden, der vielleicht über das Ilmenauer Studentenfersehen gesendet werden wird).
Direkt unter der Brücke standen zwei kleine Busse der PDS („Kuschelmobil“), die den Durchgang als eine der ersten blockiert hatten. Drum herum hatte sich eine große Menge an Gegendemonstranten eingefunden. Im Laufe der Zeit waren es so zwischen 300 und 500 Menschen, die hier gemeinsam und friedlich den Weg für die Neonazis versperrten.
Auf der anderen Seite der Unterführung standen dann wieder zahlreiche Polizisten und sperrten den weiteren Durchgang ab.
Über die Lautsprecher der PDS-Busse wurde Musik (u.a. natürlich auch „Schrei nach Liebe“ von den „Ärzten“ – klar!) zur Unterhaltung gespielt und ab und wann Informationen zum aktuellen Stand der Dinge durchgegeben. Es herrschte eine lockere Atmosphäre.
Nach etwa einer Stunde kam eine Erfurter Samba-Truppe und es wurde mit Trommeln, Tänzern und Bongos angefangen zu feiern. Ja die Samba-Truppe schaffte es eine Stimmung aufkommen zu lassen, die mehr an den Karneval der Kulturen, als an eine Demonstration erinnerte. Und sie wollten auch nicht mehr aufhören, soviel Spaß hatten sie dabei. Die Leute fingen an zu klatschen und zu tanzen – das nenne ich mal friedlichen Protest.
Das ganze zog sich über bestimmt 2-3 Stunden hin. Leider gab auch unser Kamera-Akku nach kurzer Zeit den Geist auf und wir mussten statt Filmaufnahmen Fotos schießen. Schade auch, dass die zwei Ilmenauer, die mit uns dabei waren irgendwann dringend zurückfahren mussten. Sie hatten eine große Party, die sie abends veranstalteten, vorzubereiten. Aber sie hatten sich die Mühe gemacht vorher extra rüber nach Erfurt zu kommen um gegen die Rechten zu demonstrieren. Das nenne ist der Einsatz, den ich von den anderen Studenten vermisst habe.
Das „Kuschelmobil“ gab wie gesagt immer wieder die aktuellen Infos zum Verlauf der Demo bekannt. Wir erfuhren, dass die NPD-Anhänger nicht losmarschieren konnten, dank unserer Blockade. Sie hingen fest und hielten erstmal eine Kundgebung ab. Hoffentlich mussten sie in der prallen Sonne schmoren. Irgendwann hieß es dann, dass die Rechten eine Ausweichstrecke genehmigt bekamen und sich ihr Zug in Bewegung setzte. Es hieß, dass sie in Sichtweite, hinter dem von der Polizei abgesperrten Bereich, marschieren sollten. Wir warteten, die Spannung stieg, alles wartete auf die Rechten. Und dann passierte es:…Nichts! Genau, es wurde auf einmal ein Signalton gegeben und eine Scharr von Polizisten setzte sich durch die Menge der Demonstranten in Bewegung Richtung Juri-Gargarin-Ring/Karl-Marx-Platz. Wir wurden reingelegt, wir bekamen die Faschos nicht zu Gesicht, sie hatten eine andere Strecke genommen. Also sind wir auch zügig in Richtung Presseclub am Karl-Marx-Platz gezogen. Wir beeilten uns, wollten vor dem Polizei-Tross dort sein, aus Angst wieder einmal von einem Grünen Streifen zurückgewiesen zu werden.
Auf dem Juri-Gargarin-Ring befanden sich bereits überall Gitterabsperrungen, die wir jedoch ohne weiteres überwinden konnten. Jedoch waren auch schon wieder etliche Uniformierte da, die bestimmte Wege bereits verriegelten, so dass wir letztendlich vor der Kreisparkasse, gegenüber vom Presseclub festsaßen. Auch der PDS-Bus war schon da und informierte uns, dass sie eine offizielle Kundgebung spontan genehmigt bekommen hätten, wir also hier bleiben dürften. Ein Punk, der die Polizisten etwas provozierte wurde neben uns rausgezogen und zu einem Einsatzwagen gezerrt.
Wir warteten. Weil aber etliche Zeit lang nichts geschah, wir wussten, dass die Neonazis schlussendlich zum Domplatz zogen und wir Angst hatten, wieder einmal zu spät zu kommen, gingen wir wie einige andere weiter, durch Gässchen und Schleichwege, in Richtung Domplatz. Dort angekommen, trafen wir andere Gegendemonstranten, die dieselbe Idee hatten. Der Domplatz war schon mit Absperr-Gittern teilweise abgesperrt. Die Polizei war mit einem VW-Bus vor Ort. Es sah nicht so aus, dass sich in der nächsten Stunde hier etwas tun könnte. Also schlossen wir uns der Samba-Truppe an und gingen rüber zum Theater-Platz. Dort waren wir dann wieder richtig. Es tummelten sich wieder hunderte von Gegendemonstranten. Sie planschten in den Fontänen der Wasserspiele und holten sich ihre wohlverdiente Abkühlung. Die Theater-Mitarbeiter hatten ein riesen-großes Transparent an der Fassade des Theater-Gebäudes aufgehängt: „Zivilcourage – kein Sex mit Nazis!“ Auf dem Platz waren mehrere kleine Stände von Parteien aufgestellt. Das erste Mal, dass man die Präsenz von Parteien wie SPD, CDU und Grünen wahrnehmen konnte. Es glich irgendwie der Demo vom April: alle demokratischen Parteien hatten zwar zum Gegenprotest aufgerufen, aber bis auf die PDS hat keine der besagten Parteien wirklich große Anwesenheit gezeigt, geschweige denn Initiative. Gut, immerhin, sie waren vor Ort. Und sie haben irgendwelche Sachen verteilt, unter ihrem einzelnen Sonnenschirm. Aber man merkte, im Grunde ging es ihnen nur um Selbstdarstellung. Immerhin, eine Flagge der Grünen habe ich ab und wann mal schwenken gesehen, auch außerhalb des Theater-Platzes. Aber die anderen haben mich (mal wieder) etwas enttäuscht. Von der FDP habe ich erst gar nix gesehen, nicht mal einen Sonnenschirm.
Na ja und jetzt hieß es warten. Es dauerte wieder eine verdammt lange Zeit ohne dass sich irgendetwas tat. Dann nach weit mehr als einer Stunde sahen wir grün. Ja, ein riesiges Polizeiaufgebot rückte an und kesselte die Menschen auf dem Theaterplatz ein. Zumindest schienen wir nun richtig zu sein. Und dem Auftreten der Einsatzkräfte zufolge konnte es auch nicht mehr lange dauern, bis der Nazi-Zug kommen sollte. Das dachten wir jedenfalls. Wieder vergingen Ewigkeiten. Eine Stunde später war immer noch nix geschehen. Vorne war der Theaterplatz von der Polizei abgeriegelt. Und hinter uns sahen wir auf einmal wie eine große Anzahl an Einsatzwagen plötzlich zum Domplatz aufbrachen. Sollten wir etwa wieder irgendwelchen Fehlinformationen aufgesessen sein? Haben die Nazis plötzlich doch einen anderen Weg genommen und man hat uns hier nur ablenken und zum Narren halten wollen? Es begann sich ein wenig Unruhe breit zu machen. Und dann ging es auf einmal ganz schnell. Wieder ein großer Polizei-Zug, der auf einmal die Straße entlang kam und dahinter dann die Neonazis von der NPD. Meine Güte, der ganze Aufwand wegen einer solch kleinen Gruppe an rechten Dummköpfen? War im Vorfeld von bis zu 400 Nazis die Rede, so sah man nun, dass es viel weniger waren. In der Presse war am nächsten Tag von 241 Rechten die Rede.
Es wurde gepfiffen und geschimpft. Die Nazis mit ihrem breiten Grinsen im Gesicht zogen einmal halb um den Platz. Die Gegendemonstranten schrieen und schwenkten ihre Transparente, abgesperrt durch etliche Polizeibeamte in Panzerungen und durch grüne Autos.
Nachdem der kleine Umzug vorüber war rannten wir alle ans andere Ende des Platzes. Dort konnte man nun näher an die NPD-Anhänger ran. Wir waren schließlich nur noch durch 2 Zäune am Rande einer Tiefgaragen-Einfahrt vom Tross getrennt. Wieder wurden die Nazis ausgepfiffen und ausgebuht. Eine ältere Bürgerin (man könnte auch sagen eine Omi) hielt mit mir zusammen meine PACE-Flagge (die ich während meiner Zivi-Zeit extra zu solchen Anlässen von meiner „Vorgesetzten“ Frau Huber geschenkt bekam) hoch und wir schimpften gemeinsam auf die Neofaschisten. Die Nazis ihrerseits hatten der geballten Abneigung nicht viel entgegenzusetzen. Die einen schimpften zurück, andere versuchten mit vulgären Gesten zu kontern (mit vulgär meine ich nicht den Mittelfinger, der wurde den Rechten haufenweise entgegengestreckt). Wieder andere machten Foto- und Filmaufnahmen von den Gegendemonstranten (angeblich sollen die Nazis ja eine Datei mit Bildern von Gegendemonstranten führen). Beeindruckt hat uns das nicht, Wir ließen uns nicht beirren.
Was ich ziemlich krass fand, war, dass während dem Nazi-Zug Rechte und Polizei durcheinander gestreut zogen. Wären die Beamten nicht allesamt grün gewesen, man hätte sie für Teilnehmer des NPD-Marsches halten können. In ihrer Mitte hatten die Rechten einen Kombi mit Lautsprechern. Mir ist es gar nicht weiter aufgefallen, ich hatte erst 2 Tage später in einem Artikel der TLZ gelesen, dass das Auto ein Hamburger Nummernschild hatte. Und für was die Abkürzung des Kennzeichens der Hansestadt Hamburg steht brauche ich wohl nicht weiter erläutern. Fakt: es waren (Neo-)Nazis, die hier auftraten!
Als die Rechten dann schließlich den Theaterlatz hinter sich gebracht hatten, bogen sie in eine Straße zum Domplatz ein, die für Gegendemonstranten gesperrt wurde.
Also sind wir alle zusammen auf den neben anliegenden Berg (ist das schon der Petersberg?) gesprintet und sind dann obenrum gefolgt. Wir kamen dann eine Straße über den Nazis raus. Ein Teil der Gegendemonstranten zog nun auf dieser Straße weiter, ein anderer kletterte noch eine Ebene weiter, diesmal auf den richtigen Petersberg. Wir gingen auch gleich ganz hoch. Von oben sahen wir, dass die Nazis unten angehalten, sich in Richtung der Gegendemonstranten gedreht hatten und Parolen und Beschimpfungen nach oben riefen. „Die Guten“ taten es ihnen gleich und riefen ihrerseits bergabwärts.
Bald marschierten die Nazis weiter und zogen schließlich auf dem Domplatz in den extra für sie bereitgestellten Käfig. Wie bereits erwähnt hatte die Polizei einen Teil des Domplatzes mit Absperrgittern abgeriegelt. In diesem Gehege wurden die Nazis nun den Bürgern Erfurts zur Schau gestellt. Es hatte wirklich etwas von Zirkus oder Zoo. Bitte nicht füttern!
Um die Absperrgitter wimmelte es von unzähligen Gegendemonstranten, die sich in einem Kreis um den abgetrennten Bereich legten. Wir, die wir über den Berg vom Theaterplatz auf den Petersberg gezogen waren, waren nun leider von den Gegendemonstranten auf dem Domplatz abgeschnitten. Die Polizei hatte alles hermetisch abgeriegelt. Kein Durchkommen. Wir hätten einen riesen großen Bogen durch die ganze Stadt machen müssen. Also mussten wir nun von oben herab demonstrieren, dass wir die scheiß Nazis nicht haben wollen.
Es war ziemlich krass wie viel Polizei anwesend war. Es war ein richtiges Großaufgebot. Und sie kamen aus halb Deutschland. Man sah Autos aus NRW, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen und so weiter und so weiter. Ein solches Aufgebot habe ich, soweit ich mich erinnern kann, noch nie gesehen. Unzählbare Uniformierte auf dem Domplatz und fast genauso viele bei uns am Petersberg. Und überall machten sie Filmaufnahmen von Gegendemonstranten, damit auch ja keiner auf die Idee kam ein faules Ei oder eine Tomate zu schmeißen.
Die NPD hielt in der Zwischenzeit ihre Kundgebung ab. Soweit dies denn überhaupt möglich war. Denn sie wurden gnadenlos ausgebuht und ausgepfiffen. Auch die Samba-Gruppe war wieder aktiv und trommelte wie wild. Von oben war es ein ziemlich beeindruckendes Bild: ein winzig kleiner brauner Haufen Neonazis; drum herum ganz viel Grünzeug und dann Tausende von bunten Menschen.
Dann etwas später quetschten sich auf einmal zwei, drei Busse durch die von der Polizei abgeriegelte Straße. Die Nazis waren am Ende. Sie hatten fertig. Eigentlich wollten sie ja nach ihrer Kundgebung wieder in Richtung Bahnhof marschieren. Aber die Behörden untersagten es ihnen. Das Trauerspiel war endlich zu ende. Die Nazis wurden nun der Reihe nach in die Busse gepfercht. Am Schluss musste die Polizei sogar ein paar Glatzen, die sich weigerten einzusteigen mit „Nachdruck“ reinstopfen. und dann ging es „heim zu Mutti“! Die Nazis wurden mit den Bussen zum Bahnhof transportiert. Es war geschafft, die Nazis waren aus der Stadt geschafft. Die Gegendemonstranten jubelten und fielen sich in die Arme.
Es hatte bis nach 18.00 Uhr gedauert, bis der ganze Spuk endlich sein Ende fand.

Ja, Erfurt hatte es geschafft: Obwohl der Nazi-Marsch doch noch genehmigt wurde zeigte man Präsenz und machte den Rechten den einen oder anderen Strich durch deren Rechnung. Zuerst wurden die Nazis am Losmarschieren gehindert, dann schafften es die Gegendemonstranten durch die Blockade der Bahnunterführung in der Löberstraße, dass die Nazis einen großen Bogen um die alte Synagoge machen mussten. Allein das war schon ein Sieg gegen Antisemitismus! Auch sonst war das Auftreten der Gegendemonstranten lobeswert: kaum Zwischenfälle und friedlicher Protest.
Die Polizeiarbeit fand ich dieses Mal besser als beim letzten Mal im April. Natürlich regt man sich als Demonstrant schon auf, wenn man immer wieder von den Einsatzkräften (teils übertrieben barsch) zurückgewiesen wird. Und besonders diese unglaublich große Menge an grünen, fett gepanzerten Männchen provoziert auch schon etwas. Und dass man dann auch noch die ganze Zeit von ihnen genauestens beobachtet und auf Film aufgezeichnet wird nervt gewaltig. Aber es hat auch seinen Sinn: denn wenn die Nazis aufmarschieren packt den einen oder anderen solche Wut, dass man schnell auf dumme Gedanken kommen könnte. Und auf das Niveau der scheiß Nazis wollen wir uns dann doch nicht begeben. Natürlich gibt es auch schwarze Schafe unter den Polizisten, die den großen Macker raushängen lassen und ihre Position ausnutzen. Es gibt halt leider viele beim grün-weißen Verein, die ihre Macht demonstrieren wollen und selber pöbeln. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich davon letzten Samstag nicht viel mitbekommen habe. Vielleicht waren sie an der einen oder anderen Stellen doch etwas zu streng (als ich am Theater-Platz ganz dringend aufs Klos musste und mich ein Bekannter, der im Theater arbeitet ins Theater lassen wollte, ließ uns die Polizei keine zwei Meter hinter die Absperrung, um direkt dahinter den Bühneneingang zu erreichen), aber gut… Immerhin haben sie uns diesmal nicht gleich mit Wasserwerfern beschossen.

Die Darstellung in den Medien fand ich zwiespältig: Die Artikel, die ich auf den Internet-Seiten der Zeitungen gelesen habe, waren soweit in Ordnung. Ganz treffend fand ich die Formulierung, die ich bei rf-news.de (Rote Fahne) las: „Es war wie beim legendären Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel. Immer wenn die NPD-Anhänger an einem wichtigen Punkt ankamen, mussten sie erkennen, dass die Antifaschisten schon da waren.“.
Was mich aber, wie im April gestört hat, war die Darstellung des MDR. Dort kam abends in den Nachrichten ein kurzer Beitrag zu Demo: Sie zeigten Bilder von der Blockade und den Tanzenden Menschen und meinen dann, dass alles soweit friedlich lief, bis alles „plötzlich eskalierte“ als auf dem Domplatz Gegendemonstranten, die eine Sitzblockade machten mit Gewalt von der Polizei entfernt werden musste. „Eskalation“, ja ja, schon klar. Also irgendwie habe ich so das Gefühl, dass dem MDR die Gegendemonstranten zu friedlich waren, so dass man diese Szenen etwas dramatisieren musste. Schon im April hat man die Gegendemonstranten als Buhmänner hingestellt und kritisiert. Und jetzt wurde eine Sitzblockade als Eskalation bezeichnet. Bravo MDR, bravo!
Übrigens empfinde ich die Zahlen die in den Medien kursieren als nicht zutreffend: überall heißt es, dass nach offiziellen Angaben 1000 Gegendemonstranten auf dem Domplatz waren. Man sollte sich nur mal die Fotos anschauen, die dort gemacht wurden. Wenn es denn wirklich 241 Nazis waren, dann muss man mal die Gegendemonstranten drumherum mit dem kleinen Haufen im Käfig vergleichen. Man wird ganz schnell zu dem Schluss kommen, dass da was nicht stimmen kann. Denn das hieße, dass nur viermal so viele demokratische Bürger da waren, wie Faschisten. Nee, alleine oben auf dem Petersberg waren mehr als 300 Menschen. Und unten auf dem Domplatz befanden sich nochmals viele Hundert, wenn nicht sogar Tausend. Ich würde sagen, dass sich mehr als 2000 (aber sicherlich noch weit mehr!) Menschen einfanden, um gegen die Nazis zu demonstrieren. Wobei meine Betonung auf dem „mehr“ liegt!

Krass fand ich, dass mehrheitlich Jugendliche und junge Erwachsende Präsenz zeigten. Zwar hat man auch viele Erwachsene und auch einige Rentner gesehen, aber die Mehrheit war dann doch so zwischen 16 und 30 Jahren. Aber im Großen und Ganzen war es doch ein schöner Mix durch alle Altersklassen und durch alle „Schichten“. Beeindruckend fand ich, dass auch viele ihre kleinen Kiddies mitgenommen hatten. Eine Frau, die ihren kleinen Sohn auf den Schultern trug und zum Nazi-Auspfeifen aufforderte, meinte sie wolle ihren Sohn frühzeitig richtig erziehen und ihm zeigen, dass man sich gegen diese scheiß Nazis wehren muss. Das fand ich sehr beeindruckend. Ich glaube ich würde es ähnlich machen!

Ich würde sagen, dass es noch viel mehr sein könnten, die sich gegen die Neonazis stellen. Ich werde das nächste Mal auch frühzeitiger die Werbetrommel in Ilmenau rühren. Dass nur so wenige Studenten von der TU da waren, ist ein Armutszeugnis, das muss man ändern. Auch hier in Erfurt gibt es noch viele Menschen und Studenten, die sich zeigen könnten. Vielleicht müsste man das nächste Mal doch noch mehr unternehmen, um Studenten und Bewohner zum Gegenprotest aufzufordern. Flyer und Plakate an den Universitäten und in den Geschäften der Innenstadt, sollten die Leute direkt darauf ansprechen und auffordern.
Dass die NPD im Vorfeld laut Zeitungsbericht meinte Erfurt sei eine „linke Hochburg“ empfinde ich als Kompliment für die Stadt. Denn heißt das zumindest, dass die Rechten sehen, dass sie hier unerwünscht sind und ihre hohlen Parolen im Sande verlaufen. Und genau das haben wir am letzten Samstag gezeigt: Die Nazis werden auch weiterhin keine Chance hier haben. Wir wollen sie nicht. Ja wir sind eine Hochburg. Eine Hochburg für Toleranz, wo Rechtsradikalismus und Antisemitismus nicht erwünscht sind. Gegen Nazis und für bunte Vielfalt. Das ist Erfurt. Das ist Deutschland. Das muss so bleiben!

bluejax
Erfurt, den 06. Juli 2005


Pressespiegel:

Thüringer Landeszeitung: Courage gezeigt gegen Rechts
http://www.tlz.de/tlz/tlz.erfurt.volltext.php?kennung=on1tlzLOKStaErfurt38527&zulieferer=tlz&kategorie=LOK&rubrik=Stadt®ion=Erfurt&auftritt=TLZ&dbserver=1

Freies Wort: Flaggen und Pfeifen gegen Rechts
http://www.freies-wort.de/nachrichten/thueringen/resyart.phtm?id=816095

Thüringer Allgemeine: Wie Erfurter ihre Stadt sauber halten
http://www.thueringer-allgemeine.de/ta/ta.erfurt.volltext.php?kennung=on1taLOKStaErfurt38527&zulieferer=ta&kategorie=LOK&rubrik=Stadt®ion=Erfurt&auftritt=TA&dbserver=1

Rote-Fahne News: „Erfurt wehrte sich erfolgreich gegen Nazi-Aufmarsch“
http://www.rf-news.de/rfnews/aktuell/Politik/article_html/News_Item.2005-06-27.1427

Forum Puffbohne.de
http://www.puffbohne.de/modules.php?name=Upload&file=download&archivo=15.JPG

Thüringer Allgemeine: „Kein Durchkommen“
http://www.thueringer-allgemeine.de/ta/ta.thueringen.volltext.php?kennung=on2taTHUThuNational38527&zulieferer=ta&kategorie=THU&rubrik=Thueringen®ion=National&auftritt=TA&dbserver=1

MDR-Nachrichten: „Friedliche Blockade behindert NPD-Demo in Erfurt“
http://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/2020753.html
6.7.05 20:32
 


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